Arbeits- und Lebenswelt 4.0

1. Oktober 2019
02/2019

Die Digitalisierung sei eine Chance, da sind sich Toni Wäfler (Professor an der FHNW), Tobias Gläser (Unternehmer) und Rolf Häner (Rektor Berufsfachschule BBB) einig. An einer spannenden Veranstaltung des Bildungsnetzwerkes Baden äusserten sich die Experten aus Sicht der Wissenschaft, der Wirtschaft und der Lehre zum Thema Digitalisierung in der Arbeits- und Lebenswelt.

Prof. Dr. Toni Wäfler, Professor an der Hochschule für Angewandte Psychologie, Institut «Mensch in komplexen Systemen» der Fachhochschule Nordwestschweiz, äusserte sich dazu, wo wir heute betreffend Digitalisierung in der Arbeitswelt stehen und was uns diesbezüglich morgen erwartet. Befürchtungen, dass die Digitalisierung in der Schweiz zu einem massiven Arbeitsplatzverlust führen könnte, hätten sich bis zum heutigen Zeitpunkt nicht bewahrheitet. Es sei kaum eine Änderung in der Gesamtbeschäftigung erkennbar, tendenziell habe es sogar einen leichten Stellenzuwachs bei höher qualifizierten Arbeitskräften gegeben, während nur eine geringe Abnahme bei An- und Ungelernten stattgefunden habe.
Die neuen Technologien (wie Prozesse im virtuellen Raum, direkte Kommunikation zwischen Gegenständen IoT oder lernfähige technische Systeme KI) sind gemäss Wäfler in der Schweiz noch eher wenig verbreitet. Auch würden in der Schweiz die Daten aus dem Netz (Big Data) noch vergleichsweise wenig systematisch analysiert und genutzt. In Zukunft werde es eine Tendenz zur Technik als Dienstleistung und zur Sharing Economy geben. Damit verbunden sei ein Spannungsfeld zwischen Konkurrenz und Kooperation. Wäfler ist überzeugt, dass sich die organisatorischen Grenzen betriebsintern und -übergreifend immer mehr auflösen werden. In heterogenen Organisationen würden vermehrt neue Arbeitsbedingungen (wie z. B. Homeoffice) gelebt, was neue Anforderungen an die Führung stelle (z. B. Vertrauensarbeitszeit). Ausserdem gebe es Tendenzen zu direkter Kommunikation, flacheren Hierarchien und interdisziplinärem Zusammenarbeiten. Diese würden hohe Anforderungen an die Kompetenzen der Mitarbeitenden (Kommunikationsfähigkeit, kritisches Denken, Problemlösen, Analysieren, digitale Souveränität) stellen. Weil die Arbeitsprozesse laut Wäfler zunehmend komplizierter, komplexer und anspruchsvoller werden, würden auch die Anforderungen an planerische und überwachende Tätigkeiten steigen.
Aus wissenschaftlicher Sicht werde davon ausgegangen, dass der Mensch sowohl heute wie auch in Zukunft der flexibelste und intelligenteste Teil der Unternehmen sei und die Rolle des Erfahrungsträgers, Entscheiders und Koordinators einnehmen werde. Die Technik solle den Menschen in Zukunft optimalerweise weder ersetzten, noch überwachen, sondern ergänzen.
Tobias Gläser, Senior Berater & Geschäftsführer des Brand & Marketing Consulting Unternehmens glaswerk, vermittelte überzeugend, dass die Digitalisierung Spass mache. Als Unternehmer habe er wegen der Digitalisierung vor einigen Jahren seine Firma völlig neu ausgerichtet. Denn mit der Digitalisierung gingen eine grössere Leistungsfähigkeit von Systemen, eine grössere Geschwindigkeit und eine grössere Vernetzung einher, welche in der Arbeitswelt nicht einfach ignoriert werden dürften. Sie bringe neue und sich verändernde Bedürfnisse, Marktverschiebungen und -trends sowie technologische Entwicklungen mit sich, von denen wir im besten Fall profitieren könnten. Hierfür müssten wir damit beginnen, die technologischen Möglichkeiten für uns zu nützen, sie zu testen, etablieren, optimieren und erweitern und daraus zu lernen. Dabei sei es wichtig, sich vom Perfektionismus zu lösen. Denn wenn ein Produkt oder eine Dienstleistung erst dann auf den Markt gebracht würden, wenn sie beinahe perfekt ausgereift seien, seien sie heutzutage mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits wieder veraltet.
Offenheit für die Digitalisierung bedinge Mut zur Innovation sowie das Einreissen von altbewährten und womöglich mittlerweile veralteten Denk- und Kompetenzsilos. Erfolge müssten gemeinsam gefeiert, Vernetzung und Spass als Erfolgsfaktoren anerkannt werden, denn in einer digitalen Welt, seien persönliche Begegnungen wichtiger denn je.
Rolf Häner, Rektor der Berufsfachschule BBB, zeigte eindrücklich, wie an seiner Schule die Strategie von Bring Your Own Device (BYOD) umgesetzt wird. BYOD ist die Bezeichnung dafür, dass Schülerinnen und Schüler ihre privaten Geräte wie Laptops oder Tablets mit in die Schule nehmen dürfen und in den Schulalltag integrieren. Zudem werde gemäss Häner vermehrt mit digitalen Lehrmitteln sowie webbasierten Programmen, Plattformen und Datenablagen (Moodle) gearbeitet. Dies sei ökologisch, ökonomisch und medienpädagogisch sinnvoll, ermögliche hohe Flexibilität und Mobilität. Schulplattform-Lösungen würden Lehrpersonen und Lernenden eine sinnvolle und fortschrittliche Zusammenarbeit ermöglichen.
Angst, dass die Schule mitsamt ihren Lehrpersonen durch die Digitalisierung irgendwann überflüssig wird, habe Hähner keine. Gemäss seinen Erfahrungen sei es sogar so, dass mit Zunahme der Digitalisierung die Relevanz analoger (Klassen-)Führung wachse. Doch die Rolle der Lehrpersonen ändere sich grundlegend: Während ihr Unterricht früher tendenziell lehrerzentriert und belehrend gewesen sei, werde er nun zunehmend lernzentriert und erforschend gestaltet. Die Lehrpersonen nähmen eher die Rolle von Wegbegleitenden ein, welche die Schülerinnen und Schüler ergebnisoffen und im steten Austausch auf ihrer Suche nach Antworten unterstützen.
Laut Häner finde tagtäglich ein Wandel vom «Ich und meine Klasse» zum «Wir und unsere Schule» statt. Es gebe aber auch Stolpersteine auf dem Weg in eine digitalisierte Lehr- und Lernwelt: so sei es nicht immer einfach, sich für eine spezifische Lernplattform zu entscheiden, ohne sich mit Insellösungen zu verzetteln und so in die didaktische Steinzeit zurückzufallen. Ausserdem sei die Arbeit mit digitalen Lernplattformen mit einem vergleichsweise hohen Initialaufwand verbunden. Doch von diesen Stolpersteinen lasse man sich an der BBB nicht entmutigen, denn es sei nun mal ein Fakt, die Digitalisierung finde statt. Deshalb versuche man an der Berufsfachschule lieber, auf analoge Weise das digitale «feusacré» bei den Mitarbeitenden zu entfachen und die Digitalisierung als organisches Schulentwicklungsprojekt zu sehen.
Die drei Experten sind sich einig: Widerstände gegen die Digitalisierung würden oft mit einem subjektiven Gefühl der Bedrohung und Fremdsteuerung einhergehen. Ziel sei es dementsprechend, diese negativen Gefühle zu überwinden und eine digitale Souveränität zu entwickeln. Wenn wir der Digitalisierung offen gegenüber seien, biete sie viele Vorteile zu unserem Nutzen.