Handwerk aus 2000 Jahren Geschichte

1. Oktober 2019
02/2019

Auf dem Handwerker-Parcours in Windisch zeigen engagierte Berufsleute im August 2019, wie moderne Berufe vor hunderten von Jahren ausgeübt worden sind. Erstaunlich, was früher alles geschaffen worden ist, ganz ohne Elektrizität und mit einfachsten Mitteln. Weil Lernen am einfachsten geht, wenn man selbst Hand anlegen kann, wird im ehemaligen Legionslager an 10 Ständen die Möglichkeit geboten, das alte Handwerk selbst auszuüben, ein lehrreicher Spass für die ganze Familie!

Handwerk aus 2000 Jahren Geschichte

Für viele Berufsleute kann es nicht modern genug zu und her gehen. Sie setzen die neusten Technologien ein und halten wacker mit der Digitalisierung Schritt. Doch es gibt auch einige Individuen, die sich bevorzugt auf die Vergangenheit besinnen. Sie werden nicht müde, uns zu zeigen, wie ihr Handwerk bei den Römern oder im Mittelalter ausgeübt worden ist. So auch Jürg Zeller, der Gerber, Peter Schmied, der Papierschöpfer oder Renate Graf, die Spinnerin.

Vom altertümlichen Gerben zur modernen Lederbearbeitung

Schon früh in der Geschichte der Menschen, vor 5000 Jahren, ist aus Tierhäuten Kleider hergestellt worden. Der Gerber reinigte dazu die Rohhäute, indem er sie in verschiedenen Arbeitsgängen von Fleischresten und Haaren befreit hat. Dicke Häute hat er aufgespaltet, um mehrere Schichten zu erhalten. Anschliessend sind die Häute in rotierenden Fässern zu Leder gegerbt worden. Die Tierhäute sind dabei mit sogenannten Gerbstoffen bearbeitet worden. Diese gehen eine chemische Verbindung mit den Fasern der Tierhäute ein, was verhindert, dass das Leder verwest oder verfällt. Im Mittelalter hat man hierfür vor allem pflanzliche Gerbstoffe (Rinde, Holz oder Früchte), Mineralsalze (Alaune) oder Fischöle (Tran) verwendet. Die Gerber sind zu dieser Zeit in Zünften organisiert gewesen und haben ihre geheimen Rezepturen nur an Mitglieder weitergegeben.
Heutzutage gibt es den klassischen Beruf des Gerbers kaum noch. In Europa kann er nur noch an der Kerschensteinerschule in Reutlingen (Deutschland) erlernt werden. Stattdessen kann man sich in der Schweiz zur/zum Fachmann/-frau Leder und Textil EFZ ausbilden lassen. Die Fachleute verarbeiten sowohl Leder, als auch Segeltuch und moderne Kunststoffgewebe. Sie wählen für jedes Material die passenden Maschinen und Geräte, entwickeln Prototypen und entwerfen Muster, produzieren Einzelstücke oder kleine Serien. Ob Feinlederwaren wie Gürtel oder Taschen, Lederartikel für den Reitsport oder die Landwirtschaft oder Innenauskleidungen und Sitzpolster von Fahrzeugen, der Kreativität der Berufsleute sind kaum Grenzen gesetzt.
Auch Jürg Zeller, der in Steffisburg eine Gerberei und Fellhandel betreibt und im Rahmen des Handwerker-Parcours den Beruf des Gerbers vorstellt, ist von den vielen Möglichkeiten, welche die Lederbearbeitung bietet, begeistert. Damals wie heute: Leder ist als Material nicht mehr wegzudenken. Leder rockt!

Vom händischen Schöpfen zur modernen Papiertechnologie

Während in Ägypten bereits um 3'500 v.Chr. Papyrus als Schreibstoff benutzt worden ist, ist zu dieser Zeit in Europa eher Pergament (Tierhaut) verwendet worden. Um 105 n.Chr. soll es schliesslich einem chinesischen Edelmann gelungen sein, einen Beschreibstoff aus Zweigen, Hanf und alten Lumpen herzustellen. Über Spanien ist die Kunst des Papierschöpfens nach Europa gelangt. Den Grundstoff für Papier haben Leinenlumpen geliefert. Lumpensammler haben diese zusammengelesen und in Wasser eingeweicht. Die Fasern haben sich durch einen Faulungsprozess gelockert und konnten in Sieben zu Papier geschöpft werden. Das Wasser ist hierfür in mehreren Pressgängen komplett herausgepresst worden. Mühsame, anstrengende Handarbeit.
Heutige Papiertechnologen und Papiertechnologinnen EFZ nutzen stattdessen modernste, computergesteuerte Maschinen um alle Arten von Papier herzustellen. Als Rohstoffe dienen ihnen nicht mehr stinkende Leinenlumpen, sondern Altpapier und Holz. Die Fachleute produzieren einen Faserbrei (eine wässrige Mischung aus Zellstoff, Hilfsstoffen und Wasser), welchen sie in die Papiermaschine einleiten, wo das Material gesiebt, gepresst, getrocknet und anschliessend auf grosse Rollen gewickelt wird. Die Qualität des so produzierten Papiers und Kartons testen sie im hochmodernen Betriebslabor.
Peter Schmidt, der weit über Einsiedeln hinaus bekannt ist für seine mittelalterlichen Darstellungen, Vorführungen und Papierschöpfkurse, steckt mit seiner Begeisterung für das Material Papier an. Nur bei der Trocknungszeit, welche im Mittelalter 24 Stunden gedauert hat, trickst der Experte heute. Wer auf dem Handwerker-Parcours in altertümlicher Manier Papier schöpft, wird charmant abgelenkt und unterhalten, bis das Papier von einem diskret versteckten Lüftungsgerät getrocknet worden ist und danach mit nach Hause genommen werden kann.

Vom Spinnen einzelner Fäden zu Textilien erster Güte

Bereits in der Jungsteinzeit haben die Menschen Kleider aus versponnenen Pflanzen und Tierfasern, wie Leinen oder Wolle, getragen. Vom Flachs zum Leinenzwirn, resp. von der Rohwolle zum fertigen Garn: ein äusserst arbeitsreiches Unterfangen. Wer feinen Faden gesponnen hatte, hat stolze Preise dafür verlangen können, denn feine Leinenstoffe sind bereits im alten Ägypten sehr begehrt gewesen. Hierfür sind Handspindeln (sogenannte Spinnwirteln) verwendet worden, die aus Ton, Holz, Speckstein oder sogar Glas gefertigt worden sind. Mit viel Handgeschick und dem richtigen Dreh sind so Schritt für Schritt Fäden für allerlei Textilien gesponnen worden.
Heutzutage wird auch diese Arbeit von modernsten Maschinen erledigt. Textiltechnologen und Textiltechnologinnen EFZ der Fachrichtung Herstellung arbeiten in Produktionsbetrieben der Textilindustrie. Dort sind sie an der Herstellung und Verarbeitung von Fasern, Garnen und diversen Geweben beteiligt. Sie richten die Produktionsanlagen ein, überwachen die Produktion und beheben allfällige Störungen. Sie erstellen Statistiken und Prüfberichte und bedienen spezifische Computerprogramme, Maschinen und Anlagen. Die Tätigkeit der Berufsleute ist heute eher technischer, denn handwerklicher Natur.
Wer jedoch auch heute noch gerne zur Handspindel greift, ist Renate Graf aus Untersiggenthal. Gerne gibt sie die alte Kunst des Handspinnens an die jüngere Generation weiter, doch lieber nicht an die allerjüngste. Denn Handspinnen erfordert grosse Konzentration und Geschick. Mindestens 8 Jahre sollte man also sein, wenn man dieses Handwerk erlernen möchte. Erst wer selber in mühsamem Unterfangen wenige Zentimeter Garn gesponnen hat, weiss die anstrengende Arbeit der mittelalterlichen Spinnerinnen wirklich zu schätzen.

Handwerk früher und heute

Eines ist sicher, die Handwerksberufe haben sich mit den Jahren stark gewandelt. Was jedoch gleichgeblieben ist, ist die ungeschmälerte Begeisterung, mit der sich die jeweiligen Berufsleute ihrer Tätigkeit annehmen. Ob damals oder heute, ihrer wertvollen Arbeit gebührt grösster Respekt.