Mehr als bloss Schulkollegen: Freunde

19. August 2020
02/2020

Die Badener Detailhandelsklasse F20D hat den Klassenzusammenhalt trotz Corona-Lockdown nicht verloren. Vier ehemalige Lernende erzählen im exklusiven Interview, wie sie den Lockdown erlebt haben, wie es sich anfühlt, den Lehrabschluss prüfungsfrei in der Tasche zu haben und wie sich die Corona-Krise auf ihre Detailhandelsbranche ausgewirkt hat. Eines ist für alle klar: der mehrwöchige Fernunterricht hat sich nicht negativ auf den Klassenzusammenhalt ausgewirkt, im Gegenteil sei die Wiedersehensfreude nun besonders gross!

Endlich ist es Ende Juni 2020 offiziell wieder erlaubt, kleine Veranstaltungen durchzuführen – natürlich unter Berücksichtigung sämtlicher Hygiene- und Abstandsregeln. Auf diesen Moment haben die ehemaligen Lernenden einer Abschlussklasse am Zentrum Bildung in Baden lange gewartet, denn sie haben sich seit mehreren Wochen nicht mehr persönlich getroffen und werden dazu wohl auch nicht mehr allzu oft Gelegenheit haben, denn ihre Berufslehre und damit auch der regelmässige Berufsschulunterricht im Klassenverband, sind mittlerweile beendet – ganz ohne Lehrbschlussprüfungen (LAP). Deshalb ist die Wiedersehensfreude am gemeinsamen Abschlussfest, das dieses Jahr klein und familiär daherkommt, besonders gross. Stolz präsentieren die früheren Lernenden ihre Abschlusszeugnisse und gehen schon bald als frischgebackene Detailhändlerinnen und Detailhändler ihren ganz persönlichen, individuellen Weg.

Vier Branchen, vier Geschichten

Rahel Schlatter (Detailhandelsfachfrau EFZ), Michelle Leimgruber (Detailhandelsfachfrau EFZ – Möbel), Domenice Beeler (Detailhandelsfachmann EFZ – Uhren/Schmuck/Edelsteine) und Fabian Lleshaj (Detailhandelsfachmann EFZ– Eisenwaren) haben den Lockdown sehr unterschiedlich erlebt.
Rahel erzählt, dass sie während des ganzen Lockdowns daheim gewesen sei, da das Schuhgeschäft, in dem sie die Lehre gemacht habe, geschlossen gewesen sei: «Es hat zwar die Möglichkeit gegeben, Schuhe trotz Lockdown via Online-Shop zu bestellen, damit hatte meine Filiale aber nichts zu tun. Die ersten beiden Wochen hat es sich wie völlig unerwartete Ferien angefühlt, doch dann musste ich plötzlich aufpassen, dass mir die Decke nicht auf den Kopf fällt. In dieser Zeit habe ich insbesondere meine Kolleginnen und Kollegen vermisst. Als der Lockdown schliesslich aufgehoben worden ist, war ich froh, wieder arbeiten gehen zu können.»
Michelle führt aus, dass sie auch während des Lockdowns einmal pro Woche im Möbelgeschäft gearbeitet habe: «Mein Arbeitgeber hat spontan einen Online-Chat eröffnet, wo die Kundschaft Fragen stellen, und Möbel bestellen konnte. Ich hatte zwar kaum persönlichen Kontakt mit den Kundinnen und Kunden, doch die Warenausgabe war auch während des Lockdowns offen; ein Lockdown light, sozusagen». In der Uhren- und Schmuckabteilung eines Warenhauses, in welcher Domenice seine Lehre gemacht hat, seien alle Mitarbeitenden auf Kurzarbeit gewesen: «Während des Lockdowns konnte ich die ganze Zeit bei 80% des Lohnes Zuhause bleiben. So konnte ich mich auf den Fernunterricht konzentrieren, mich weiterbilden, aber auch die unverhoffte Freizeit geniessen.
Fabian verkauft Eisenwaren in einem Handwerkercenter mit zwei Abteilungen: Verkauf und Metallbau. Im Center habe man während des Lockdowns halbtags gearbeitet: «Der Verkauf hatte während der ersten Lockdown-Woche geschlossen, die Metallbau-Abteilung hat durch gearbeitet. Und weil die Metallbauer für ihre Arbeit Material brauchen, habe ich mehr oder weniger normal gearbeitet, bin einfach statt in der Kundenberatung in der Lagerbewirtschaftung eingesetzt worden. Dort habe ich das Material für die Metallbauer bereitgestellt und dafür gesorgt, dass diese ihre Arbeit effizient erledigen konnten. Da ich aber an meinem Beruf vor allem die Interaktion mit den Kundinnen und Kunden mag, war für mich die Lockdown-Zeit nicht besonders prickelnd.»

Berufsschulunterricht via Zoom

Der Berufsschulunterricht als Fernunterricht via Zoom sei ungewohnt, aber nicht grundsätzlich schlecht gewesen, sind sich die Jugendlichen einig. Es habe viele lustige Momente gegeben, bis endlich alle begriffen haben, wie Fernunterricht funktioniert. Spassig sei es z.B. gewesen, wenn sich Mitschülerinnen und Mitschüler im Pyjama oder im Bett zur Zoom-Sitzung zugeschaltet haben.
Michelle sieht vor allem einen grossen Vorteil im Fernunterricht: «Ich konnte am Morgen deutlich länger schlafen, weil der Anfahrtsweg zur Schule entfallen ist. Generell habe ich jedoch Präsenzunterricht lieber, weil die Konzentration am PC mit der Zeit jeweils etwas gelitten hat. Es hat ständig Unterbrechungen gegeben, jemand ist während der Zoom-Stunde ins Zimmer gekommen oder der Hund wollte etwas Aufmerksamkeit, ich war vergleichsweise häufig abgelenkt, das war herausfordernd.»
Fabian habe sich zu Beginn noch regelmässig in den Schulunterricht eingeloggt, die anfängliche Motivation sei dann jedoch etwas gebremst worden: «Ich habe gemerkt, dass längst nicht alle Mitschülerinnen und Mitschüler vollen Einsatz im Fernunterricht gegeben haben. Es hätte sehr geholfen, sie und die Lehrpersonen während des Lockdowns auch mal persönlich treffen zu können. Dann hätten wir latente Missverständnisse vor Ort lösen, und allesamt wieder motivierter lernen können. So ist es mit jeder Woche harziger geworden».

Prüfungsfreier Lehrabschluss – ein Genuss?

Rahel erinnert sich an die Zeit, in welcher sie nicht gewusst hat, ob die Lehrabschlussprüfungen nun stattfinden oder nicht: «Während einer gefühlten Ewigkeit standen wir mehr oder weniger im luftleeren Raum. Wir haben gelernt, aber ohne zu wissen, ob, wie und wann die angeeigneten Kenntnisse geprüft werden. Das hat sich zugegebenermassen auf die Motivation beim Lernen ausgewirkt. Schliesslich kam der Entscheid des Bundesrats, dass die schulische Lehrabschlussprüfung dieses Jahr ausfällt und stattdessen der Durchschnitt aller Schulnoten eingetragen wird. Diese Nachricht und die damit verbundene Klarheit der Situation hat mich erleichtert».
Doch sowohl Rahel als auch Michelle hätten die Lehrabschlussprüfung grundsätzlich gerne absolviert. Sie bedauern es, die Chance verpasst zu haben, während der Lehrabschlussprüfung buchstäblich der ganzen Welt zeigen zu können, was sie während der beruflichen Grundbildung alles gelernt haben. Fabian ist demgegenüber nicht unbedingt unglücklich, dass die Prüfungen abgesagt worden sind. Ihm kam der Lehrabschluss ohne Prüfung zugegebener Massen auch entgegen.

Anschlusslösungen sind rar

Rahel und Michelle haben bereits vor der Corona-Krise die Zusage für eine Anstellung bei einem Schuh- resp. Möbelgeschäft bekommen. Mit dieser Zusage sei es vergleichsweise einfach gewesen, während der Corona-Krise positiv eingestellt zu bleiben. Es sei schon vor der Krise schwierig gewesen, eine Festanstellung zu finden, denn viele Angebote seien nur mit kleinen Teilzeit Pensen oder befristet gewesen, mit der Krise habe sich das Ganze noch zugespitzt.
Domenice und Fabian haben noch keine Anschlusslösung. Das Warenhaus, in dem Domenice die Lehre gemacht hat, habe einen generellen Einstellungsstopp. Leider seien seit dem Lockdown in dieser Branche schlicht keine Stellen mehr ausgeschrieben: «Weil ich mir jedoch keine andere Branche vorstellen kann, überlege ich mir nun eine Weiterbildung, z.B. im Projektmanagement. Gegenwärtig vergleiche ich die Angebote und hoffe, schon bald etwas Passendes für mich zu finden. Am Anfang hat es mich sehr beunruhigt, dass ich noch keine Anschlusslösung habe, aber mittlerweile sehe ich auch Chancen und Perspektiven.»
Auch Fabian ist noch auf der Suche, denn in der Eisenwarenbranche seien freie Stellen rar. Anders als Domenice setzt Fabian jedoch auf eine temporäre Anstellung als Überbrückung bis zur Festanstellung: «Ich kann mir auch gut vorstellen, in einer anderen Branche zu jobben, bis ich die Rekrutenschule beendet, und eine Festanstellung gefunden habe, die meinen Vorstellungen und Fähigkeiten entspricht. Unglücklich ist einfach, dass ich so keine weitere branchenspezifische Arbeitserfahrung sammeln kann, was mich auf dem Arbeitsmarkt eher unattraktiv macht. Es gibt zwar ausgeschriebene Stellen, bei denen Arbeitserfahrung nicht zwingend notwendig ist, aber dort arbeitet man zu 100 Prozent auf Provision. Das ist kein Arbeitsverhältnis, das ich mir langfristig vorstellen kann, eher eine Notlösung. Eine schwierige Situation.»

Wandel im Detailhandel, Corona lässt grüssen…

Bei Rahel im Schuhgeschäft gab es in den ersten beiden Wochen nach dem Lockdown äusserst strenge Hygieneregeln inklusive Maskenpflicht, die später jedoch gelockert worden seien: «Jetzt tragen wir Masken nach Gutdünken, z.B. wenn die Distanzregeln nicht eingehalten werden können oder wenn wir ältere Menschen bedienen. Die Schuhe werden nun noch häufiger gereinigt und müssen zwingend mit Socken anprobiert werden. Seit Corona wird die Karte dem Bargeld klar vorgezogen und wir schützen uns an der Kasse hinter Plexiglasscheiben. Aber sonst hat sich erstaunlich wenig geändert. Wir haben nach dem Lockdown damit gerechnet, dass die Kundinnen und Kunden zu verängstigt sind, um in den Laden zu kommen. Doch genau das Gegenteil war der Fall: wir sind in den ersten Wochen schier überrannt worden. Alle wollten neue Schuhe haben!»
Michelle aus dem Möbelgeschäft meint, dass sie nie Angst gehabt hätte, sich anzustecken, aber grossen Respekt vor der Gefahr schon: «Ziel war es stets, mein Umfeld zu schützen, aber um dies zu erreichen, nicht Bedienen zu müssen, war nie mein Bedürfnis. Weil wir auch Matratzen und Duvets verkaufen, hatten wir strenge Hygieneregeln, als es wieder los ging. Wir mussten die Matratzen mit Schutzdecken, und die Kundschaft mit Hygienemasken schützen. Mittlerweile hat sich das wieder etwas gelegt. Mühsam war besonders, dass die Lernenden am Eingang des Warenhauses den Ein- und Austritt der Kundschaft erfassen mussten, damit nicht zu viele Personen im Laden sind. Das war eine ziemliche Unterforderung und führte gefühlt zu endlosen Arbeitstagen. Bei uns haben sich die Kundinnen und Kunden nach dem Lockdown nur zögerlich wieder ins Geschäft getraut. Viele tragen auch heute noch Masken, langsam, aber stetig, zieht es nun wieder an.»
In der Uhren- und Schmuckabteilung, in der Domenice beschäftigt ist, haben auch nach dem Lockdown nur die Lernenden mit vollem Pensum gearbeitet. Die Festangestellten haben weiterhin Kurzarbeit geleistet, damit Personalkosten gespart werden konnten: «Weil auch bei uns die Kundinnen und Kunden ein grosses Nachholbedürfnis gehabt haben, sind wir an den Samstagen fast überrannt worden, es hat teilweise richtiggehend Personalengpässe gegeben. Die Arbeitsumstände haben mich an den Black Friday erinnert und dann geht’s bei uns jeweils ab; richtig ab!»
Auch Fabians Handwerkercenter konnte sich nach dem Lockdown nicht über mangelndes Kundeninteresse beklagen. In den ersten Tagen bildeten sich vor der Warenrampe meterlange Schlangen: «Wir hatten alle Hände voll zu tun, damit die Abstandsregeln trotzdem eingehalten werden konnten.»