Menschen

Männer und Pflege? Das passt!

Ausgabe 01/22
Datum 15.08.2022
Autorin von

«Pflege ist nichts für Feiglinge! Hier kann Mann zeigen, dass er einfühlsam und belastbar ist, denn der Umgang mit Patientinnen und Patienten ist herausfordernd. Gleichzeitig gibt es wenig Schöneres, als jemandem behilflich sein zu können, der auf Unterstützung angewiesen ist und alleine nicht klar kommt.»

Interview mit Elias Fortunato zukünftiger Fachmann Gesundheit EFZ Insel Gruppe, Bern

Muss eine Person in Spitalpflege oder altersbedingt in ein Pflegeheim, ist sie oder er dankbar für eine gute Pflege und Betreuung. Doch was in Zeiten der Gleichberechtigung normal sein sollte, ist im Pflegeberuf noch immer eher selten: Männer im Pflegepersonal. Es fehlt noch weitgehend an maskulinen Vorbildern, die den Jungs zeigen, dass auch soziale Arbeitsfelder erstrebenswert sein können. Umso besser, stehen heute immer mehr Männer stolz für den Pflegeberuf ein, entgegen der Behauptung, Frauen seien von Haus aus fürsorglicher und mütterlicher und daher prädestinierter für den Beruf Fachmann/-frau Gesundheit EFZ. So auch Elia Fortunato, der bei der Insel Gruppe die Lehre zum Fachmann Gesundheit EFZ absolviert. Elia ist überzeugt: «Pflege braucht Männer, die anpacken, praktisch denken und sich gut in andere einfühlen können. Einfühlsame Männer mit Macherqualitäten, die das Leben pflegebedürftiger Menschen mitgestalten möchten.»

 

Elia, wie kam es, dass du Fachmann Gesundheit EFZ werden wolltest?

Ich habe bereits in der fünften oder sechsten Klasse gemerkt, dass mich die Berufe im Feld Gesundheit reizen. Meine Mutter ist diplomierte Pflegefachfrau in der Insel Gruppe. Sie nahm mich an ihren Arbeitsplatz mit und zeigte mir alles. Ich war fasziniert und fand das Gesundheitswesen total spannend. Allerdings hatte ich ursprünglich vor, den akademischen Weg einzuschlagen, das Gymnasium zu besuchen und dann Medizin zu studieren. Im Gymnasium aber habe ich gemerkt, dass ich mehr der Machertyp bin. Mehrere weitere Jahre die Schulbank zu drücken, war plötzlich nicht mehr so attraktiv für mich. Ich wollte lieber mit Menschen zu tun haben und mich schon möglichst früh sinnstiftend einsetzen können. Deshalb brach ich das Gymnasium vorzeitig ab.

 

Du hast auf deine Bedürfnisse gehört, eine mutige Entscheidung!

Und diese Entscheidung war goldrichtig… Ich habe mich daraufhin aktiv auf Berufssuche begeben, habe Berufsmessen besucht und mich über unterschiedlichste «Macher»-Berufe informiert. Dabei liess mich das Feld Gesundheit einfach nicht los. Ich besprach mit meinen Eltern, dass ich gerne in einem Spital arbeiten würde, aber nicht als Arzt. Meine Mutter legte mir daraufhin die Lehre als Fachmann Gesundheit EFZ nahe – und traf damit ins Schwarze. Denn während ich mich darüber informiert habe, ist mir schnell klar geworden, dass dieser Beruf eine optimale Grundlage für eine Karriere im Feld Gesundheit darstellt.

 

Und ein anderer Beruf kam nicht für dich in Frage?

Ich habe zwar auch eine Schnupperlehre als Fachmann Bewegungs- und Gesundheitsförderung EFZ absolviert, dort aber schnell gemerkt, dass mir die medizinischen Aspekte nicht ausgereicht haben. Meiner Meinung nach lag dort der Fokus eher auf Bewegung und nur sekundär auf Medizin. Deshalb zog ich schliesslich die Lehre zum FaGe vor. Da ich mitten im Schuljahr eine Lehrstelle suchte, ging ich dabei nicht den klassischen Weg. Ich bewarb mich bei der Insel Gruppe, zu der auch das Universitätsspital Bern gehört. Ich wurde zum Vorstellungsgespräch eingeladen, bevor ich im Inselspital eine Schnupperlehre absolvierte. Vor der Zusage für die Lehrstelle wurde ich dann zum Schnupperpraktikum eingeladen. Dieses hat bestätigt, was ich eigentlich auch vorher schon gewusst habe: das kommt gut!

 

Wie hat dein Umfeld reagiert, als du dich für die Lehre als Fachmann Gesundheit EFZ entschieden hast?

Von überall her kamen positive Reaktionen, besonders von meiner Mutter kam grosser Support. Alle waren froh und erleichtert, dass ich schliesslich einen Weg eingeschlagen habe, der mir mehr zusagt als der akademische. Besonders ich selbst, denn ich stand ja unter dem grossen Druck, bereits einen Abbruch hinter mir zu haben. Eine Stimme in meinem Kopf sagte laut und deutlich: «Jetzt MUSS es aber klappen!». Natürlich hätten wir auch einen Weg gefunden, wenn es erneut eine Fehlentscheidung gewesen wäre, aber so ist es natürlich viel besser. Meine Kollegen rissen zwar blöde Witze übers «Füdli putzen», aber diese waren nicht böse gemeint. Ich habe einfach mitgelacht und nahm es locker.

 

Es heisst, jeder Witz enthalte ein Quäntchen Wahrheit. Wie gehst du damit um, dass auch die Intimhygiene bei Pflegebedürftigen zu den Aufgaben gehört?

Das ist kein Problem für mich. Es gehört einfach dazu, so wie andere Jobs auch Seiten haben, die weniger angenehm sind. Wenn es unangenehm riecht, öffne ich einfach diskret ein Fenster. Ich gebe zu, dass die Intimpflege nicht meine Lieblingsaufgabe ist. Aber sie ist eine grosse Unterstützung für die Patienten, vor allem für diejenigen, die weitgehend immobil sind und sich selber nicht mehr ausreichend selbst pflegen können. Diese Patienten sind mehrheitlich äusserst dankbar für meine Dienstleistungen; das ist ein wirklich gutes Gefühl. Am Feierabend lasse ich das Unangenehme dann einfach hinter mir.

 

Und gelingt es dir auch, die schwierigen oder unangenehmeren Aspekte deines Berufes nicht mit nach Hause zu nehmen?

Ja, das klappt ganz gut. Ich habe da ein Ritual: Wenn ich mich umziehe, die Arbeitskleidung ablege und in meine Alltagsklamotten schlüpfe, lasse ich die Sorgen um den Gesundheitszustand der Patientinnen und Patienten hinter mir. Sobald ich meine privaten Kleider trage, bin ich wieder Elia, der mit seinen Kumpels abhängt, Sport treibt und das Leben geniesst. Manche Patientenschicksale gehen mir allerdings auch sehr nahe. Wenn jemand in meinem Alter einen schweren Unfall hatte oder wenn ein Patient an einer vererbten oder besonders tragischen Krankheit leidet, geht mir das nah. Aber ich habe zum Glück die Möglichkeit, mit verschiedenen Personen aus meinem beruflichen und privaten Umfeld über meine Gedanken und Gefühle sprechen zu können. Dafür bin ich dankbar.

 

Auf welcher Abteilung arbeitest du und was genau machst du dort?

Ich arbeite auf der Orthopädie. Dort geht es um den Bewegungsapparat des Menschen; die Knochen, Gelenke, Muskeln, Sehnen und Bänder. Die Aufgaben der FaGe auf der Orthopädie sind ähnlich wie auf anderen Abteilungen: ich nehme z.B. Blut ab, stelle Medikamente bereit und kümmere mich um die Pflege der Patientinnen und Patienten. Dabei achte ich auf ihre Ernährung, ihr Befinden und ihre Schmerzen. Ich erledige auch hauswirtschaftliche Tätigkeiten, z.B. die Zimmer mit neuer Wäsche auffüllen. Ausserdem dokumentiere ich den Tag am PC, damit die nächste Schicht weiss, wie es den Patienten geht und was genau gelaufen ist. Ich versuche, den Patienten ihren Spitalaufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten, indem ich sie in ihren Bedürfnissen unterstütze und ein offenes Ohr für sie habe, wenn sie das Gespräch suchen. Dabei versuche ich stets auch, ihren psychischen Zustand einzuschätzen. Wenn z.B. ihr Leidensdruck nach einem Unfall gross ist und sie von Albträumen oder Ängsten sprechen, gehört es auch zu meinen Aufgaben, mit dafür zu sorgen, den Kontakt zu geeigneten Fachpersonen, wie z.B. der Spitalseelsorge, herzustellen.

 

Was gefällt dir an deinem Beruf am besten, was weniger gut?

Mir gefallen vor allem die medizinaltechnischen Tätigkeiten sehr gut. Ich mache gerne Spritzen und nehme gerne Blut ab. Auch interessieren mich die Wirkungsweisen der Medikamente. Gleichzeitig ist mir der Kontakt zu den Patienten wichtig. Dieser kann aber auch sehr schwierig sein. Besonders der Umgang mit Dementen, die sich an nichts erinnern, oder mit verwirrten Menschen finde ich eine Herausforderung. Manchmal kommen auch Menschen mit einer schweren Krebserkrankung auf die Abteilung oder Opfer von schweren Unfällen.

 

Als Lernender in einem Universitätsspital bekommst du nicht nur sogenannte Routinefälle zu Gesicht, wie ist das so für dich?

Stimmt. Es ist eine Herausforderung, aber gleichzeitig auch total spannend und abwechslungsreich. Ich bin Teil eines interdisziplinären Teams, das die Behandlung und Pflege der komplexen Fällen sicherstellt, das macht die Arbeit interessant und kurzweilig. Die Insel Gruppe ist ein guter Arbeitgeber. Ich schätze insbesondere das Universitätsspital in Bern, wo ich meine Ausbildung mache, als äusserst vielseitigen und attraktiven Lehrbetrieb. Der Umgang mit den verschiedenen Fachkräften ist sehr angenehm. Das Universitätsspital ist riesig. Am Anfang hatte ich Mühe, mich nicht zu verlaufen. Die einzelnen Gebäude sind durch eine Vielzahl unterirdischer Gänge miteinander verbunden, da den Überblick zu behalten war eine Herausforderung.

 

Du lässt dich in der Insel Gruppe zum Fachmann Gesundheit EFZ ausbilden. Männer und Pflege, passt das?

Ja, das passt! Es gibt zwar definitiv mehr Frauen als Männer auf der Abteilung und oft sind die wenigen Männer auf der Abteilung als Ärzte und nicht als Pflegefachmann tätig. Aber das bedeutet nicht, dass Frauen generell besser für die Pflege geeignet sind. Das ist ein Vorurteil. In der Pflege muss man sicher einfühlsam sein, eine Eigenschaft, die eher Frauen als Männern zugeschrieben wird. Aber das ist bloss eine der vielen Voraussetzungen für diesen Beruf. Ausserdem bin ich überzeugt, dass Männer genauso einfühlsam pflegen wie Frauen.

 

Hattest du denn je das Gefühl, dass dich dein Geschlecht im Berufsalltag beeinflusst, beziehungsweise einschränkt?

Eher nein. Aber Männer in der Pflege werden meiner Meinung nach anders angeschaut als Frauen, vor allem von weiblichen Patientinnen. Entweder die Patientinnen haben Freude, dass auch männliche Personen Pflegeaufgaben übernehmen, oder sie sind unglücklich darüber und denken, dass ich als Mann keine Ahnung vom weiblichen Körper hätte. Manche Patientinnen wollen keine männliche Pflegefachperson. Es gibt aber auch Männer, die sich nicht von Frauen pflegen lassen wollen. Das wird in der Insel Gruppe so weit wie möglich berücksichtigt. Dann holt man einfach eine Fachkraft vom gewünschten Geschlecht hinzu und überträgt ihr die Aufgaben. Wir verlangen diesbezüglich auch keine Begründung der Patientinnen und Patienten. Es geht darum, den Patienten und Patientinnen den Spitalaufenthalt so angenehm wie möglich zu machen, da gehört das ganz einfach mit dazu.

 

Dann gestalten Vorurteile deinen Berufsalltag doch mindestens teilweise mit?

Stimmt. Die anfänglichen Witzeleien meiner männlichen Freunde sind jedoch mittlerweile abgeflaut. Ich habe viele neue Bekannte im Gesundheitswesen, mit welchen ein reger Austausch stattfindet. Und Kommunikation hilft meiner Erfahrung nach gegen Vorurteile. Auch wenn Patientinnen oder Patienten Vorurteile haben, suche ich als Erstes das Gespräch und sehe es nicht als Kritik oder Angriff. Ausserdem gibt es gewisse Vorurteile, die mir sogar zum Vorteil werden können, z.B. wenn ältere Patientinnen und Patienten besser zuhören, weil ich als Mann etwas sage. Aber eigentlich begegne ich nur selten Vorurteilen. Im Gegenteil erhalte ich generell viel positives Feedback, z.B. dass ich als junger Mann frischen Wind ins Team bringe.

 

Können die verschiedenen Geschlechter bei der Arbeit voneinander lernen?

Ja. Ich finde, dass die Zusammenarbeit im Team besser gelingt, wenn dieses geschlechterdurchmischt ist. Zum Beispiel kann ich einer weiblichen Mitarbeiterin zu Hilfe komme, wenn sie etwas oder jemanden Schweres anheben muss. Manchmal fällt es mir als Mann auch leichter, ein Machtwort zu sprechen, wenn ein Patient eine Grenze überschreitet. Ich habe auch schon beobachtet, dass mir männliche Patienten im Gespräch mehr anvertrauen, weil ich ebenfalls ein Mann bin. Doch in den allermeisten Fällen erledigen bei uns die weiblichen und männlichen Mitarbeitenden genau dieselbe Arbeit auf dieselbe Art und Weise.

 

Hattest du jemals Zweifel, dass du doch nicht in diesen Beruf passen würdest?

Ja, aber bis jetzt bin ich sehr zufrieden mit dem Beruf Fachmann Gesundheit EFZ. Was die Zukunft bringt, ist jedoch noch völlig offen. Als erstes kommt der Lehrabschluss mit Berufsmaturität, dann das Militär. Danach kann ich mir auch vorstellen, ein Studium anzuhängen, z.B. an der Pädagogischen Hochschule als Oberstufenlehrer. Ich würde gerne weiterhin in einem sozialen Beruf tätig sein, aber nicht gezwungenermassen in der Pflege.

 

Hast du irgendwelche Tipps an andere Jungs, die sich auch für einen «typischen Frauenberuf» interessieren?

Hört nicht auf andere, die versuchen, euch den Beruf madig zu machen. Seid lieber überzeugt von dem, das euch interessiert. Schaut, was ihr wirklich machen wollt. Agiert entschlossen und selbstsicher. Gerade wer sich für Anatomie, Humanbiologie und Medikamente interessiert und gerne den Kontakt zu Menschen hat sowie praktische Arbeiten erledigt, ist als Fachmann Gesundheit an der Quelle. Hier kann man zeigen, dass man resilient ist oder sich eine dicke Haut zulegen, denn der Umgang mit Patientinnen und Patienten ist anspruchsvoll und nicht immer einfach. Der Beruf ist nichts für Feiglinge, sondern etwas für echte Männer!

 

Vielen Dank für das interessante Gespräch und alles Gute in deiner beruflichen Zukunft!

 

 

Zu den Berufen im Gesundheitswesens

Viele Berufe im Gesundheitswesen sind Weiterbildungs- oder Studienberufe. Eine berufliche Grundbildung als Fachmann/-frau Gesundheit EFZ ist dafür die optimale Basis, denn die Fachleute arbeiten in Spitälern und Heimen, dezentralen Pflegestationen, im Spitexbereich und anderen ambulanten Einrichtungen, wo sie Menschen unterstützen und pflegen, die in ihrer Gesundheit beeinträchtigt sind. Liegt ein Notfall vor, holen die Rettungssanitäter/innen HF die Patientinnen und Patienten ab, leisten wertvolle Erstversorgung und bereiten sie für die Untersuchung der Ärzte und Ärztinnen UH vor. Handelt es ich um eine Geburt, kümmern sich die Hebammen FH darum. Muss operiert werden, bereiten die Fachleute Operationstechnik HF die Instrumente vor und erstellen die Radiologiefachleute HF alles nötige Bildmaterial. Mehr zu den verschiedenen Gesundheitsberufen erfährst du auf www.gateway.one/berufskunde.

 

Zur Insel Gruppe

Im Januar 2016 fusionierte das Inselspital mit der Spital Netz Bern AG zur Insel Gruppe AG. Dadurch entstand das grösste und führende medizinische Vollversorgungssystem der Schweiz. Mit ihren sechs Standorten im Kanton Bern, dem Inselspital, Universitätsspital Bern, dem Stadtspital Tiefenau sowie den Landspitälern Belp, Riggisberg, Münsingen und Aarberg vereint die Insel Gruppe Grundversorgung mit universitärer Spitzenmedizin und Lehre mit Forschung. In der Insel Gruppe werden jährlich rund 860’000 Patientinnen und Patienten behandelt. Mit ihren über 10’000 Mitarbeitenden ist die Insel Gruppe einer der grössten Arbeitgeber in der Region Bern. Darüber hinaus ist der Spitalverbund die wichtigste Weiterbildungsinstitution für junge Ärztinnen und Ärzte und Gesundheitsfachpersonen sowie ein Topausbildungsbetrieb für 15 Lehrberufe.

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