Was die Lernenden in der Schweiz bewegt

24. January 2019
  • Hintergrund

Für viele Jugendliche ist die Berufslehre das Fundament ihrer beruflichen Laufbahn. Die Berufswahl und damit die Auseinandersetzung mit den eigenen Wünschen und Sorgen ist prägend und so individuell wie die Jugendlichen selbst. Eine Studie gibt darüber Aufschluss, was die Jugendlichen zum Thema Lehre an- und umtreibt.

Welche Fragen die Jugendlichen beschäftigt, wo sie die Herausforderungen sehen und was ein Lehrbetrieb dazu beitragen kann, damit eine Lehrzeit für alle Seiten gut verläuft, darüber gibt die Berufsbildungsstudie 2018 des Berufsbildungsnetzwerks «gateway.one» Aufschluss. Die bereits zum vierten Mal erschienene Studie fasst wichtige Aspekte rund um die Berufsfindung, die Lehrzeit sowie die Wünsche nach Lehrabschluss zusammen. Es ist die grösste derartige Studie in der Schweiz und sie macht Vergleiche über die Jahre hinweg möglich, woraus wiederum Trends für die Zukunft abgeleitet werden können.

Die berufliche Zufriedenheit

An der diesjährigen Befragung haben insgesamt 3784 Jugendliche ab 13 Jahren mittels einer Onlinebefragung teilgenommen. Ein Kapitel widmet sich dem Thema Lehrzeit und gibt einen Einblick, was die Jugendlichen an ihren Lehrbetrieben besonders schätzen, was sie als schwierig erachten und wie ihre Zukunft aussieht (Die komplette Studie kann bestellt werden unter dem Link ).
Die Jugendlichen in der Schweiz scheinen ihre Interessen, Stärken und Schwächen gut zu kennen. Trotzdem fällt manchen die Entscheidung, was sie nach der obligatorischen Schulzeit machen wollen, nicht einfach. Erfreulich dagegen ist, dass der Mehrheit der aktuell Lernenden die Entscheidung, eine Berufslehre zu beginnen, leichtgefallen ist und sie diese Entscheidung auch nicht bereuen. Nur 30 Prozent der Befragten geben an, dass ihnen die Entscheidung eine Berufslehre zu absolvieren, Mühe bereitet hat. Rund fünf Prozent davon bereuen ihren Entscheid. Die berufliche Zufriedenheit kann anhand ganz unterschiedlicher Faktoren des Lehrbetriebs und der Ausbildung der Lernenden eruiert werden. Die Jugendlichen, die sich aktuell in einer Lehre befinden, haben die Wichtigkeit von insgesamt 15 Eigenschaften bei einem Lehrbetrieb eingeschätzt.

Fair und sozial soll es sein

Dem sozialen Umfeld schreiben die Jugendlichen mit Abstand die grösste Wichtigkeit zu. Das wichtigste Kriterium für Zufriedenheit ist, dass der Lehrbetrieb ein gutes Team und gute Mitarbeitende bietet. An zweiter Stelle steht eine gute Betreuung, damit eine gute Ausbildung gewährleistet ist, gefolgt vom Wunsch nach einem guten Chef, respektive einer guten Chefin. Die zwischenmenschlichen Faktoren stehen also klar an erster Stelle: die Jugendlichen wollen herausgefordert, aber auch respektiert werden.
Danach folgen in der Wichtigkeitsrangfolge Aspekte des Unternehmens wie, dass es fair und sozial sein soll, sowie, dass es einen guten Ruf geniesst. Nur «teils» oder «eher» wichtig sind dagegen Eigenschaften wie die Branche und Produkte des Unternehmens, die Möglichkeit zur Berufsmatura oder die Anzahl Ferienwochen. Betreffend Lohn ist den Befragten deutlich wichtiger, dass der Lohn nach dem Lehrabschluss attraktiv ist, als dass sie einen hohen Lohn während der Ausbildung beziehen. Am wenigsten wichtig erachten die Befragten die Übernahmechancen nach der Ausbildung und ob sich das Unternehmen an ökologisch-orientierten Grundsätzen ausrichtet.

Unterschied der Geschlechter

Interessant sind die Unterschiede bei den Geschlechtern, wenn es um die obengenannten Aspekte geht. Die männlichen Befragten sprechen mehreren Faktoren eine deutlich grössere Wichtigkeit zu als die weiblichen Personen. Einzig die Eigenschaften ökologisch-orientiertes Unternehmen, guter Lohn während der Ausbildung, soziales Unternehmen und faires Unternehmen werden von den männlichen und weiblichen Personen ähnlich eingestuft. Bei allen anderen Faktoren sind bedeutende Unterschiede zu finden und zwar dahingehend, dass die männlichen Personen höhere Ansprüche an die Unternehmen stellen.
Auffällig sind auch Unterschiede in Abhängigkeit des jeweiligen Lehrjahres. Werden zum Beispiel eine gute Betreuung und Ausbildung oder der Ruf eines Unternehmens im 1. Lehrjahr sehr hoch gewichtet, scheint dies für die Jugendlichen im 3. Lehrjahr nicht mehr gleich relevant zu sein. Ebenfalls verlieren im 3. und oftmals letzten Lehrjahr die Chancen einer Übernahme nach der Ausbildung oder ein guter Lohn nach Lehrabschluss an Wichtigkeit.
Die Gründe für die abnehmende Wichtigkeit von mehreren Eigenschaften eines Lehrbetriebs können folgende sein: Mit zunehmendem Lehrjahr und steigendem Alter werden andere Aspekte wichtig. Ganz grundsätzlich kann die Stellung des Lehrbetriebs für einen Jugendlichen an Wichtigkeit verlieren. Dies weil wahrscheinlich im späteren Stadium der Lehre auch Eigenschaften von zukünftigen Optionen und Betrieben an Wichtigkeit zunehmen. Es überrascht entsprechend auch nicht, dass mit steigendem Lehrjahr der Wunsch nach Verbleib im Betrieb nach Lehrabschluss sinkt. Der Reiz nach Lehrabschluss den Betrieb zu wechseln oder in einem neuen Umfeld Erfahrungen zu machen, wird grösser. Abbildung 2 führt die Aspekte unabhängig vom Al- ter und Lehrjahr der Jugendlichen auf.
Rund der Hälfte der Befragten ist es wichtig, in der Lehre herausgefordert, respektiert und ernstgenommen zu werden. Aber auch die Zusammenarbeit mit den vorgesetzten Personen, deren Vertrauen und Geduld wird als sehr wichtig erachtet. Etwas weniger wichtig, aber dennoch sehr zentral ist der Faktor, dass die Jugendlichen Verantwortung übernehmen dürfen und dass ihre eigene Meinung zählt.

Praktische Arbeit gefragt

Die praktische Arbeit ist für die Jugendlichen von zentraler Bedeutung. Insgesamt scheint ihnen die Berufsschule mehr Sorgen zu bereiten als der praktische Teil der Lehre. Jugendliche, die noch auf Stellensuche sind, zerbrechen sich dennoch häufig den Kopf darüber, ob sie die Leistung im Unternehmen erbringen können oder ob sie vom Team akzeptiert werden. Dies mag damit zusammenhängen, dass die Jugendlichen vor Lehrstart noch nicht genau wissen, was auf sie zukommt und somit die Angst Fehler zu machen grösser ist als bei Lernenden, die sich bereits an den Arbeitsalltag gewöhnt haben.
Die Freude und Zuversicht bei den Jugendlichen auf Stellensuche hingegen sind ähnlich ausgeprägt wie bei bereits Lernenden. Die sozialen Faktoren werden sehr stark gewichtet. So freuen sich die befragten Jugendlichen sehr auf den Einstieg in die Berufswelt, auf die Mitarbeit in einem Team. Des Weiteren ist die Aussicht auf eigenes Geld wichtig. Die Befragten nennen aber auch Aspekte wie Neues dazulernen oder Verantwortung zu übernehmen. Das Positive: Die Freude an der praktischen Arbeit im Lehrbetrieb ist deutlich stärker ausgeprägt als die damit verbundenen Sorgen und Ängste.
Einige Aspekte der praktischen Arbeit verlieren aber mit zunehmendem Lehrjahr wieder an Wichtigkeit. So ist zum Beispiel die Freude an der Teamarbeit bei Lernenden im 3. Lehrjahr weniger stark ausgeprägt als bei Lernenden im 1. Lehrjahr. Stabil über die gesamte Lehre bleiben aber die Freude am eigenen Geld sowie die Lust, Neues zu erlernen und Verantwortung zu übernehmen. Bei den Geschlechtern sind zudem einige Unterschiede erkennbar. Die (neuen) Vorgesetzten lösen zum Beispiel bei den männlichen Befragten mehr Freude aus als bei den weiblichen Personen. Bei den Sorgen zeigt sich ebenfalls ein wesentlicher Unterschied: So haben die weiblichen Lernenden und Schüler mehr Angst davor, Fehler zu machen oder die Leistung nicht zu erbringen als ihre männlichen Kollegen. Weitere Unterschiede zeigen sich abhängig vom Wohnort: Jugendliche auf dem Land oder in der Agglomeration schätzen die Freude, in die Arbeitswelt einzusteigen oder die Zuversicht hinsichtlich der Teamarbeit positiver ein als jene aus den Städten.

Schnupperlehre sinnvoll

Die Jugendlichen zeigen sich insgesamt als eine Gruppe von interessierten und zuversichtlichen, aber auch wohlüberlegten und besorgten Personen. Die Entscheidung für eine Lehre wird nicht leichtfertig gefällt und es sind viele Faktoren ausschlaggebend, welche die Zuversicht stärken und die Vorfreude beeinflussen können. Es zeigt sich auch, dass nicht alle Jugendlichen in den gleichen Topf geworfen werden können: So werden klare Unterschiede zwischen den Geschlechtern wie auch bezüglich des Wohnortes deutlich. Und auch der Ausbildungsstand – sind die Jugendlichen beispielsweise noch in der Schule, im 1. oder 3. Lehrjahr – bringt unterschiedliche Resultate zutage. Es zeigt sich also ein Bild von Jugendlichen, die zwar Respekt davor haben, in die Arbeitswelt einzusteigen, aber die Freude an der praktischen Arbeit und die Aussicht auf die Arbeit in einem Team überwiegen. Unternehmen können dementsprechend einen wichtigen Beitrag zur Berufswahl der Jugendlichen leisten. Zum Beispiel mit einer Schnupperlehre, die nach wie vor sowohl das am häufigsten genutzte als auch das beliebteste Instrument in der Berufsorientierung ist.
Im realen Berufsalltag können die Jugendlichen das Arbeitsklima, aber auch Inhalte der praktischen Arbeit erfahren, was Ängste und Sorgen abbaut und die Vorfreude auf den Berufseinstieg wachsen lässt. Jene Unternehmen, die den Jugendlichen mit viel Offenheit begegnen und ihre Ängste ernst nehmen, können einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass die Jugendlichen mit viel Selbstvertrauen und Zuversicht eine Lehre beginnen oder den nächsten Schritt in die Berufswelt wagen.

kurz & bündig

›› Das wichtigste Kriterium für die Zufriedenheit der Lernenden ist, dass der Lehrbetrieb ein gutes Team und gute Mitarbeitende bietet. ›› Betreffend Lohn ist den Befragten deutlich wichtiger, dass der Lohn nach dem Lehrabschluss attraktiv ist, als dass sie einen hohen Lohn während der Ausbildung beziehen. ›› Am wenigsten wichtig erachten die Befragten die Übernahmechancen nach der Ausbildung und ob sich das Unternehmen an ökologisch-orientierten Grundsätzen ausrichtet.
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